Verdammt, es ist nicht mehr weit weg

„Du sollst mir keine Gemüsekisten bestellen!“ Voll Wut schreit der 35-jährige Johannes seine Mutter an, doch seine Rebellion schmeckt schal. Wie opponiert man gegen jemanden, der dafür sorgt, dass man eine Eigentumswohnung sein Eigen nennen darf? Noch nicht abbezahlt, aber immerhin ein leistbares Nest, das vor der „Welt da draußen“ Schutz bietet. Wie rebelliert man gegen jemanden, der für seine Arztkosten aufkommt und mal rasch 150 Euro für Propoliskugeln überweist? Wie rebelliert man gegen jemanden, der sich per Skype meldet, um besorgt nachzufragen, wie es einem denn geht?

Johannes, fulminant, exzessiv, selbstverliebt und wehleidig von Sebastian Doppelbauer dargestellt, lebt ein gesättigtes und dennoch unendlich anstrengendes Leben. Ganzkörperenthaarung und -peelings, Gesichtsmasken, Alkohol bitte nicht, der macht eine schlechte Haut und, und, und. Willkommen im Club der Schönen. Im Club jener, die dem Diktat des perfekten Körpers beigetreten sind und in Panik verfallen, wenn sie daran denken, dass dieser einmal altern könnte. Was Jahrtausende lang das weibliche Geschlecht unterjochte, ist nun endlich auch bei den Herren angekommen. Der Wahn nach einem Äußeren, das nichts zu wünschen übrig lässt. Raffaela Schöbitz verfasste den Text zu _Objects in a mirror are closer than they appear. Ihr zweiter dramatischer nach ihrem Stück „Zugvögel“. Der kryptische Titel des neuen Stückes gibt anfänglich nicht viel preis. Es handelt sich um ein Hörspiel, eine Installation, ein Raum- und Klangerlebnis – wie es im Programmfolder heißt. Und tatsächlich vereint die szenische Lesung vom nicht.Theater-Ensemble all diese unterschiedlichen Kommunikationsqualitäten. Die eigentliche Premiere wird erst im Herbst unter der Regie von Rieke Süßkow stattfinden. Die Aufführung am 28. März im Reflektor in der Preßgasse im Vierten lieferte jedoch schon den Eindruck von einer fertigen Theaterarbeit. Da störte es auch nicht, dass die Beteiligten ihre Rollen zum Teil noch aus den Textbüchern ablasen. Zu stimmig war der Eindruck, den der Text, der Raum (Felix Huber), die Kostüme und auch die Performance der Schauspielenden abgaben.

Der Plot ist zweigeteilt. Einerseits erfährt das Publikum etwas über das Leben und die Familiengeschichte von Johannes, dessen Großmutter soeben verstorben ist. Sabine Herget löst in ihrem weißen Leichenkittel und ihrem Sargbett in der Auslage leichte Angstschauer aus. Zugleich jedoch ist es ihre bockig-bestimmende Art, die sie auch nach ihrem Tod einsetzt, um ihre Tochter zu kommandieren, die für Lacher sorgt. Aleksandra Corovic hält als Mutter Johannes seine Trägheit vor, während sie selbst im Bademantel und Wohlfühlsocken vor dem Bildschirm ihres Computers herumlungert. Schöbitz offeriert Dialoge, wie sie in vielen Mutter-Mutter- und Mutter-Sohn-Beziehungen vorkommen und trifft dabei ganz subtil den Nerv der Zeit. Die Generationen sind nur durch das genetische Material miteinander verbunden. Zu sagen haben sie sich nichts. Was für die beiden Frauen zumindest noch in ihrer Fürsorge für Johannes anklingt, kann dieser niemandem mehr weitergeben. Getrennt von seiner Freundin, lebt er in Panik, dass sein Geschlecht aussterben könnte und bringt zugleich wohlüberlegte Argumente gegen die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin vor. Nancy Mensah-Offei gibt ihm dabei fernmündlich Unterstützung. Was sich anfangs als Klienten-Therapeuten-Beziehung darstellt, offenbart sich schließlich als Abhängigkeitsverhältnis zwischen Patient und Zahnarzt.

Der zweite Teil des Textes zeigt ein Zukunftsszenario, das man lieber nicht erleben möchte. Darin klagen an Apparate angeschlossene Menschen über ihr Schicksal. Degradiert zu Ersatzteillagern, werden noch kurz vor ihrem Ableben all ihre Erfahrungen ins große Datensammellager abgesaugt, um den kommenden Generationen zur Verfügung zu stehen. Wer sich´s leisten kann, profitiert von diesem Humanmaterial, wer nicht, vegetiert bei vollem Bewusstsein in Labors, die sich Dr. Frankenstein nicht ausmalen hätte können. Raffaela Schöbitz gelingt mehrfach das Kunststück, einzelne Passagen mit einer Mehrdeutigkeit auszustaffieren, die man erst ab einem bestimmten Punkt wahrnimmt. Der vermeintliche Psychologe, der als Zahnklemptner entlarvt wird, oder die von ihr evozierte Vorstellung der Verwesung im Grab, die sich jedoch als Menschenleiberlabor herausstellt, sind derartige Kunstgriffe. Nicht zuletzt die parallel gespielten Geburtsaktionen von Großmutter und Tochter, von denen sich eine plötzlich als Abtreibungsszene erweist. Dabei setzt die junge Autorin eine technoid angehauchte Kunstsprache ganz alltäglichen, platten Familiendialogen gegenüber, wie sie jeder und jede aus dem Publikum kennt.

Das Thema der künstlichen Befruchtung, der Möglichkeit des Einfrierens von eigenen Spermien und Eizellen steht derzeit bei Kreativen hoch in Kurs. Erst vor wenigen Tagen lud das Brut zu Barbara Ungepflegts Perfomance „Meines“ein. Einer ebenfalls theatralisch-intellektuellen Auseinandersetzung zum Thema Leihmütter, künstliche Befruchtung und Wunschkinder nach dem Baukastenprinzip.

Dies verwundert nicht wirklich. Erstmals in der Menschheitsgeschichte wird Männern klar, dass sie bei emanzipierten Frauen, die es sich finanziell auch leisten können, im besten Fall noch als Samenspender herhalten dürfen. Im schlechtesten jedoch sogar dies von jemandem anderen übernommen wird, der nicht einmal körperlich beim Akt der Zeugung anwesend ist. Was sich anfangs in der Körperbetontheit von Johannes manifestiert, wandelt sich im Laufe des Abends hin zu einer Larmoyanz über die Bestimmung einer reinen biologischen Fortpflanzungsmaschine, der er sich ganz verweigern möchte. Der Schlaf, der das Geschehen ein- und auch ausläutet, mag einen Albtraum andeuten. Versatzstücke davon sind jedoch bereits Realität. Wie nahe stehen wir dem Horrosszenario bereits gegenüber? Verdammt, es ist nicht mehr weit we. _Objects in mirror are closer than they appear. Wie man merkt, funktioniert selbst im Titel Schöbitz sprachlich-gedankliche Doppelbödigkeit.

Ein gelungener Abend, der dem Anspruch des nicht.Theater-Ensembles gerecht wird, ein zeitgenössisches Theater zu schaffen, das abseits von normalen Theaterräumen die Hierarchie zwischen den verschiedenen Wahrnehmungsebenen aufhebt.

Empfehlung: Dranbleiben und den Herbsttermin vormerken.
Link: nicht.Theater-Ensemble